Getsemani

Vor einigen Wochen war ich in einer dunklen Kirche. Nur ein paar Kerzen brannten vorne auf dem Altar. Ich machte Fotos, experimentelle Bilder. Sie waren an diesem Abend meine Art zu beten. Nach ein paar Versuchen an verschiedenen Orten im Raum fand ich mich nach einiger Zeit in der letzen Bankreihe wieder, hielt die Kamera an meine Stirn und nickte, während ich den Auslöser für eine Langzeitaufnahmen drückte. Ich nickte und sagte in Gedanken „Ja“. Die Kerzen brannten durch das Nicken eine Spur aus Licht auf das Foto, von oben nach unten vor einen dunkel verwackelten Hintergrund. Dann schüttelte ich den Kopf: „Nein“. Diesmal zog sich auf dem Bild eine Leuchtspur horizontal durch den schwarzen Raum. Auf dem nächsten Bild machte ich beides. Zuerst nickte ich, dann schüttelte ich den Kopf. Wie gebannt schaute ich auf ein Kreuz aus Licht, das durch meine Bewegung entstanden ist.

 

 

Ich wiederholte es, ich nickte mit der Kamera und schüttelte dann den Kopf. Ein anderes Kreuz. Ich war langsamer diesmal. 

Ich wiederholte es, schnell und energisch. Zuerst Nein, dann Ja. Ein anderes Kreuz. Ein anderer Schwung.

Ich wiederholte es, zögerlich. Nein, dann Ja.

Ich wiederholte es. Nein. Ja.

Ja. Nein.

Ich wiederholte und dachte an Jesus, der kurz vor seinem Tod mit sich und Gott gerungen hatte.

 

 

Ich legte alles Vertrauen in mein Ja und allen Zweifel in mein Nein.

Manchmal war das Ja größer als das Nein, dann wieder umgekehrt. Manchmal musste ich mehrmals den Kopf schütteln, bis es mir endlich gelang zu nicken. 

Nach den ersten hundert Bildern war mir das fotografische Ergebnis mehr und mehr egal.

Ja und Nein. Nein und Ja.

Nach den nächsten hundert Bildern kniete ich mich hin.

Irgendwann sprach ich laut.

Später flüsterte ich.

Nach über 400 Langzeitaufnahmen und nach fast zwei Stunden ging ich nach vorne und löschte die Kerzen.

Dann ging ich heim.

 

 

Nein.

Ich schüttle den Kopf über die Welt, über mich, über Gott.

Ich kann nur den Kopf schütteln. Wütend, lächelnd, freundlich, mich wundernd, nicht verstehen könnend, nicht verstehen wollend, rebellierend, fassungslos, traurig, verängstigt, angeekelt, innerlich kotzend, resignierend, korrigierend, intervenierend, endgültig, vorläufig, urteilend, bittend, flehend, distanziert, beobachtend, verächtlich, gütig, verbietend, fragend, stellvertretend, stolz, herrschend, überheblich, zweifelnd, demütig, erniedrigt, stumm, einsam, ungläubig, erlöst, verletzt, und dann …

Ja.

Aus ganzem Herzen, befreit, bereit, vorläufig, hoffend, überzeugt, resigniert, kapitulierend, rebellierend, stolz, zufrieden, letztlich, ruhig, traurig, zweifelnd, bestimmend, akzeptierend, loslassend, sicher, offen, warm, zögerlich, bereit, erlöst, stark, ruhig, selig, verschmelzend, ohne Reue, ohne Erwartung, hingebungsvoll, liebend, zurückschauend, aktiv, mutig, zerknirscht, gequetscht, erschöpft, ruhig, willenlos, freundlich, dankbar, glaubend, trotzdem Ja, und trotzdem …

 

2 Gedanken zu „Getsemani

  1. Das ist große Kunst!
    Ich hatte im Geist den senkrechten Balken für das JETZT identifiziert,
    DEN MOMENT, der EWIG WEITER LÄUFT:
    Und zwar in der HORIZONTALEN WAHRNEHMUNG DER ZEITSPUR:
    DEN QUERBALKEN, der sich als erste MATERIE im LICHT ausdrückt.
    Die menschlichen Augen nehmen nur LICHT wahr, das meist in „temperierten Spiegelungen“.
    Alles darüber hinaus kann man sich „theoretisch“ als „Dunkle Energiemasse“ vorstellen,
    oder IN THEOREM als „GOTT“.

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