aussetzen/sich verschenken

Unsere Vorbereitung auf Pfingsten: Birigt Mattausch und ich haben wieder zwei Klappstühle genommen und uns ausgesetzt. Diesmal auf dem Wochenmarkt in Stuttgart, um etwas zu verschenken.
 
1.  Aussetzen als Sich-Verschenken
 
Es gibt eine ganz einfache Erklärung, was der Heilige Geist ist: Die Gabe Gottes. Er ist das, was Gott schenkt: Mut, Frieden, Weisheit, Vergebung, Leben. Der Geschmack von Whisky-Trüffel nach einem Espresso. Das Gefühl, wenn ein verspannter Muskel locker lässt. Der kurze Moment im Gespräch, wenn beide schweigen und sich verstehen. Der Heilige Geist ist, was Gott gibt. Begabung.
Und der Heilige Geist ist Gott. Weil Gott sich selbst gibt. Gott verschenkt sich. Setzt sich aus. 
Um diesem Gedanken nachzuforschen, haben wir die Reihe „Aussetzen/Ausgesetzt“ auf Pfingsten hin fortgesetzt. Mit dem Schwerpunkt Aussetzen als Sich-Geben, Sich-Verschenken. Verschenken ist das Gegenteil von Verkaufen. Daher ist der Ort  für unser Aussetzen der Markt.
 
 
 
2. Dienen
 
Der Auferstandene wird erkannt an seinen Wunden. Sag ich.
Und am Dienen. Sagt der Freund.
Das ist unsres Herrn Vermächtnis.
Er ist aufgefahren in den Himmel.
Wir blieben zurück.
Und machen uns nun auf in die große Stadt.
Der Plan: Wir wollen verschenken, was wir haben. 
Und geben, was wir können und was uns gegeben ist.
Wörter, Bilder, Wünsche.
Aber ich bin keine Mascha Kaléko
Ich kann ja nicht einmal einen Muttertagsreim
Und vielleicht ist all das ohnehin nichts.
Was wir können, rettet keine Welt, heilt keine Seele, macht keinen Frieden. 
Und am Dienen. Sagt der Freund. Mit Nachdruck in der Stimme. Eine jede mit der Gabe, die sie empfangen hat.
 
 
 
3. Schilder schreiben
 
Auf  zwei Kartons schreibt sie mit großer Schrift. So wie Bettler, wenn sie  in wenigen Buchstaben ihre Situation erläutern und um ein paar Euro  bitten. Aber unsere Schilder bitten um nichts. „Gedichte zu  verschenken!“ steht auf dem einen. Das ist ihr Schild. „Bilder zu  verschenken!“ steht auf meinem. 
Wir  sind fremd hier auf dem Wochenmarkt. Wir kennen die Gesetze nicht. Die  Gesetze des Marktes. Wo dürfen wir uns hinsetzen mit unseren Schildern?  Neben dem Blumenstand? Oder lieber zwischen Kaffee-Verkäufer und  Bäckerwagen? Wir sind anders, haben keinen Stand mit Äpfeln oder Gemüse,  keine Eier, keinen Honig, und vor allem: keine Kasse. Nur einen Stuhl  für jeden von uns, einen Block, ein paar Stifte (für die Gedichte) und  eine Kerze (mit deren Rauch will ich die Bilder malen).
Dürfen  wir das? Uns aussetzen? Etwas verschenken, das wir dann machen, wenn  uns jemand darum bittet? Ist Verschenken auf dem Markt vielleicht  verboten? Oder Sitzen? Betteln könnte verboten sein. Werben.  Unangemeldetes Verkaufen. Falsches Parken. Aber Sitzen und Verschenken?  Wie wird der Markt reagieren, wenn zwei sich aussetzen um zu  verschenken?
Was wird mit uns geschehen?
 
 
 
4. Gesetz des Marktes 
 
Wer etwas bekommt, muss etwas geben.
– Gesetz des Marktes –
Wenn also zwei so dasitzen, 
Gedichte und Bilder verschenken, 
dann müssen sie etwas bekommen.
Zwei hartgekochte Eier zum Beispiel. Grün marmoriert.
Oder freien Eintritt im Lindenmuseum, „Fragen Sie einfach nach Frau ####! Dann bezahle ich für Sie!“
„Oder darf ich Ihnen etwas Gutes tun? Einen Kaffee spendieren?“
 
Haben die Leute Schuldgefühle?
Machen sie Schulden?
Heißt sich beschenken lassen schuldig werden?
Heißt schenken, Schuld auf andere laden?
 
Eine sagt: „Gestern habe ich viel verschenkt. Dass ich jetzt von Ihnen etwas bekomme, das ist sozusagen die Antwort!“
 
 
 
5. Das ist doch nur ein Test!
 
Wer etwas bekommt, muss etwas geben.
– Gesetz des Marktes –
Wenn also zwei so dasitzen,
Gedichte und Bilder verschenken, dann
… wollen Sie uns nur testen!“
„Wie bitte?“
„Das ist bestimmt so ein Test! Sie wollen uns nur testen!“
„Nein, nein! Wir verschenken einfach nur Bilder und Gedichte!“
Doch die Frau ist schnell weitergegangen.
 
Die Logik von Kaufen und Verkaufen, Geben und Nehmen, Gewinnen und Verlieren ist stark.
Aber Glück ist kein Nullsummenspiel. Oder doch? Wer haben will, muss geben.
Wer gibt, will etwas haben.
Hat die Frau uns missverstanden oder besser verstanden als wir uns selbst?
Was wollen wir hier eigentlich?
Was erwarten wir?
Wen testen wir?
 
 
 
6. Glück
 
Der Friede. Die Tulpen. Meine Sehnsucht.
Die Passantinnen sagen mir ein Thema und ich schreibe ein Gedicht dazu.
Während ich schreibe, gehen sie rasch noch einmal etwas einkaufen – oder sie plaudern mit Sebastian.
Dann bin ich fertig. Ich reiße die Seite aus dem Notizbuch und gebe sie ihnen.
Sie lesen und lächeln. Eine sagt: Genau so. Danke. Eine andere nur: Ja. Und sie leuchtet dabei.
Am Stand gegenüber gibt es Marmelade. Auch Blumen. Auch Spargel.
Selten war ich so glücklich wie jetzt.
 
 
 
7. Dämonen I
 
Die Menschen freuen sich. Über Birgits Gedichte. „Bitte eines über Tulpen!“ „Schreiben Sie vom Lächeln!“ Ich sitze daneben. Kaum jemand will, dass ich ihm ein Bild male. Ich schwenke um. Anstelle von Bildern verschenke ich gute Wünsche. Die muss doch jemand haben wollen: Kostenlose gute Wünsche – ich bleibe auf ihnen sitzen. Weil ich ein Mann bin? Bin ich falsch gekleidet? Sind die Menschen satt an dem, was ich geben kann? Während ich so sitze, kommen sie nach und nach alle. Nicht die Menschen, sondern die Dämonen: Der Neid, der Selbstzweifel, die Unsicherheit, die Angst. Sie fragen mich die Frage des Marktes: Wie viel bin ich wert, wenn keiner haben will, was ich geben kann – nicht einmal geschenkt?
Ich habe mich dem ausgesetzt.
Ich sitze es aus.
 
 
 
8. Dämonen II
 
„Ich schreibe ein Gedicht. Extra für Sie.“ 
Die Leute mögen das. Vor allem die Frauen. 
Sebastian sitzt neben mir. Er macht Bilder aus dem Ruß von Kerzen. Sie sehen aus wie Wolken, Wind und Geheimnisse. Die Frauen mit den praktischen Schuhen möchten sie nicht. Vielleicht meinen sie, das sei keine Kunst. 
Ich merke, dass ihm das etwas ausmacht. Er ist so ausgesetzt auf seinem Stuhl. Soll ich meine Gedichte nicht mehr anbieten? Oder zumindest nicht mehr so? Wenn ich nicht da wäre, wäre es dann leichter für ihn? 
Und weiter: Bin ich zuviel? Wenn ich einfach nur da bin. Nehme ich anderen den Platz weg? Wenn ich einfach nur da bin und womöglich vergnügt. 
Ist es eine Sünde, ich zu sein? 
Ich sitze ausgesetzt auf dem Stuhl. Jetzt kichern meine Dämonen. Wir kennen uns gut.
 
 
 
9. Vertrieben nach den Gesetzen des Marktes
 
Der Marktaufseher sagt: „Hier können Sie nicht bleiben. Sie sind nicht angemeldet.“
Wir lächeln und nicken und reden mit Engelszungen.
Wir wollen schließlich nicht weg von diesem Platz mit Sonne und Blumen und den netten Damen, die mit uns plaudern.
Wir verschenken doch nur, sagen wir. Wollen nix verkaufen, niemand bekehren. Und überhaupt: Wir haben im sonstigen Leben ganz ehrbare Berufe.
„Gedichte schreiben ist doch auch ein ehrbarer Beruf“, sagt der Marktaufseher. Das sehe man ja auch an dem da – und er deutet auf den riesigen Schiller aus Bronze hinter uns.
Und dennoch.
Wir müssen gehen. Schiller darf bleiben. Er scheint eine Ausnahmegenehmigung zu haben.
 
 
 
10. Gefunden
 
Wir sitzen jetzt am Bahnhof. Am Markt hat man uns ja vertrieben. 
Eine Frau hat ein Baby um den Bauch gebunden. Kann sich nicht bücken. Das Schild  „Gute Wünsche zu verschenken!“ kann sie lesen. Aber die Zettel mit den  Wünschen, die davor liegen, die kann sie nicht gut aufheben. Ich spreche  sie an: „Darf ich Ihnen einen guten Wunsch überreichen?“ „Ja, gerne!“  „Welchen hätten sie denn gern?“ „Suchen Sie für mich aus!“ Ich lese  durch, was da steht. Obwohl ich genau weiß, was ich geschrieben habe.  Ich suche. Kein Wunsch scheint zu passen. Ich bin nicht zufrieden. Mir  fällt ein, dass ich noch einen in meiner Tragetasche habe. Ich suche.  Sie wartet. Als ich ihn überreichen kann, und sie liest, ist sie  erstaunt. „Ja. Genau. Danke!“ Sie schaut mir in die Augen. Ich habe  lange gewartet. In diesem Augenblick wurde ich gefunden.
 
 
 
11. Ausgesetzt. Not under control.
 
Bevor ich in den Zug steige, setze ich die letzten 3 Gedichte aus.
Ich klebe sie an die Rückseite einer stillgelegten Telefonzelle auf dem Bahnsteig. Dann kommt Security. 
Ich gehe rasch davon. Ohne ein Foto. Verborgen in der Menge der Wartenden.
Ich  werde nie erfahren, was aus meinen eilig hingekritzelten Wörtern  geworden ist. Landeten sie gleich im Müll? Fielen sie in die Gleise? Was wird aus ihnen, wenn keiner sie will?
Ein Wort war Wolf. Ein anderes Traum.
Mehr weiß ich nicht mehr.
 
 
 
 
 

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